Editorial

SchulpolitikLehrergewerkschaft SEW/OGBL stellt Minister Meisch schlechtes Zeugnis aus

Schulpolitik / Lehrergewerkschaft SEW/OGBL stellt Minister Meisch schlechtes Zeugnis aus
Véra Dockendorf und Joëlle Damé Foto: Editpress/Hervé Montaigu

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Aus der traditionellen Pressekonferenz des OGBL-Syndikats Erziehung und Wissenschaft (SEW) vor der Rentrée ist eine Bilanz von zehn Jahren liberaler Bildungspolitik unter Minister Claude Meisch geworden. Zwar wurden dabei keine Noten verteilt, aber das Zeugnis für den DP-Politiker fiel nicht unbedingt gut aus.

Eines könne man Claude Meisch sicherlich nicht vorwerfen: in seiner nun knapp zehnjährigen Amtszeit als Bildungsminister nichts getan zu haben. Das sagte SEW-Präsidentin Joëlle Damé am Dienstagvormittag bei einer Pressekonferenz im „Casino syndical“ in Bonneweg. Vielmehr betreibe der Minister das Gegenteil: Aktionismus. So pflastern Reformen seinen Weg, seit der liberale Politiker das Amt des Bildungsministers im Dezember 2013 angetreten hatte. Dieses hatte zuvor etwa neun Jahre lang Mady Delvaux-Stehres inne (2004-2013). Während sich die sozialistische Politikerin, von Beruf her ursprünglich Lehrerin, einst in dem von ihr angestoßenen Reformprozess oft im Konflikt mit den Lehrergewerkschaften aufgerieben hatte, ignorierte der Liberale, ein studierter Wirtschaftsmathematiker, in seinem Reformprozess weitgehend die Akteure auf dem Terrain. Meisch treffe seine Entscheidungen im Alleingang, so der oft gehörte Vorwurf seitens der Lehrergewerkschaften.

Bereits im Mai kritisierten SEW, OGJ, Comité Chargés de Cours – FNCTTFEL/Landesverband und Amelux die Ära Meisch als „Bildungspolitik im Monolog“. Dabei habe sich der Minister mit dem Hashtag #BildungamDialog als volksnaher und dialogbereiter Sozialpartner darzustellen versucht. Stattdessen bescheinigtem ihm die Gewerkschafter „Dialogverweigerung und Beratungsresistenz“. Dies ziehe sich wie ein roter Faden durch seine Amtszeit. Statt mehr Bildungsgerechtigkeit gebe es mehr „Bildungsungerechtigkeit“, kritisierte das SEW – vier Tage nachdem Meisch seine Reformbilanz als Erfolgsgeschichte vorgestellt hatte. „Die großen Verlierer sind die Schüler“, stellte Joëlle Damé fest. Der jüngste Bildungsbericht zeigte einmal mehr deutlich, dass im hiesigen Schulsystem die Schwächsten der Gesellschaft die Leidtragenden sind und die wenigsten Chancen auf einen Bildungsabschluss haben. Zwar fange die Chancenungleichheit nicht in der Schule an, werde dort aber reproduziert. Dass in kaum einem anderen Land der Europäischen Union der sozioökonomische Hintergrund einen größeren Einfluss auf die Schulresultate von Schülern hat, zeigten bereits die internationalen Schülervergleichsstudien PISA, an denen Luxemburg teilgenommen hat.

Meischs Wundertüte

Immerhin wurden 2018, also noch in Meischs erster Amtszeit, Schulbücher kostenlos verteilt. Außerdem reformierte er den Sekundarunterricht und gab den Schulen mehr Autonomie. In jene Zeit fiel auch die Abschaffung des Religionsunterrichts. Hinzu kam in seiner zweiten Amtszeit, dass die Betreuung schulpflichtiger Kinder ausgedehnt wurde und während der Schulzeit ab 2022 ebenso gratis wurde. Nicht zu vergessen aus dem bunten Angebot von Meischs Wundertüte ist die Gratisverteilung von Tablets an Schüler. Doch dies reicht nicht aus, um die sozialen Unterschiede auszugleichen. Vielmehr kritisieren die Gewerkschaften seit Jahren, dass Meisch eine Politik des „Outsourcings“ betreibe, indem sich Schulen an Lehrprogrammen aus dem Ausland orientieren sollen.

So gibt es eindeutige wissenschaftliche Belege dafür, dass digitale Werkzeuge das Lernen der Schüler eher beeinträchtigen als verbessern

Vera DockendorfSEW-Sprecherin

Auch andere Bestandteile von Meischs Schulpolitik, mit denen sich der Minister rühmt, stehen in der Kritik. Vera Dockendorf, SEW-Sprecherin für den Bereich Sekundarstufe, hat verschiedene Einwände, gerade was die Digitalisierung in der Schule angeht: Diese sei „massiv gepusht“ worden, aber „ohne kohärentes Konzept“ und bringe, wie einige Studien zeigen, eher viele Nachteile mit sich. „So gibt es eindeutige wissenschaftliche Belege dafür, dass digitale Werkzeuge das Lernen der Schüler eher beeinträchtigen als verbessern.“ Sie besäßen etwa ein hohes Ablenkungspotenzial. Es gebe kaum belastbare Belege für den Mehrwert der digitalen Technologie im Bildungswesen, ein großer Teil der Nachweise stamme von denjenigen, die versuchen, sie zu verkaufen.

 Joëlle Damé
Joëlle Damé Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Einmal mehr zeigt sich, dass Meischs Reformpolitik nicht etwa „evidenzbasiert“ sei, sagte Joëlle Damé, sondern auf „pseudowissenschaftlichen“ Ansätzen basiere. Der Minister betreibe sogar „Gaslighting“*, was schließlich nichts anderes ist als Täuschen und Manipulation. Weniger um die sozioökonomische Herkunft der Schüler als vielmehr um verschiedene Migrations- und Sprachenhintergründe geht es bei dem Thema der internationalen Schulen: „En intégrant quelques écoles internationales dans l’offre publique, la politique éducative transfère une partie de la responsabilité sociale à un système scolaire parallele, ce qui reflète aussi une certaine immobilité du système régulier“, heißt es seitens der Gewerkschaft.

Soziale Schere öffnet sich weiter

Bereits in seiner ersten Amtszeit legte Meisch den Grundstein für das, was erst recht für seine zweite Amtszeit prägend war: der Ausbau der internationalen Schulen. Die „Ecole internationale Differdange et Esch/Alzette“ (EIDE) machte den Anfang, weitere folgten. „Wird die öffentliche Europaschule in Differdingen eine Eliteschule für Kinder gut betuchter Professoren und IT-Angestellten?“, fragte das Lëtzebuerger Land schon 2015. Mittlerweile hat Meisch sechs öffentliche Europaschulen eröffnet: außer in Differdingen in Junglinster, Clerf, Mersch, Mondorf und in der Hauptstadt. Das SEW/OGBL bedauere, dass damit ein Parallelsystem aufgebaut wird, statt das aktuelle Modell der Mehrsprachigkeit in den Schulen auf der Basis einer kritischen Analyse zu überdenken und zu reformieren, heißt es im jüngsten SEW-Journal 3/2023.

Der sozioökonomische Status ist in den Europaschulen höher

Joëlle DaméSEW-Präsidentin

Eine gemeinsame öffentliche Schule sei für die soziale Kohäsion und Integration unabdingbar, so die genannten Gewerkschaften. Mit einem Parallelsystem riskiert diese noch schwieriger zu werden. „Der sozioökonomische Status ist in den Europaschulen höher“, stellt Joëlle Damé fest. Besonders für Eltern aus sozial benachteiligten Familien sei es schwer, sich in dem „riesigen Bildungslabyrinth“ zurechtzufinden, so Vera Dockendorf. Die soziale Schere öffnet sich weiter. Unter liberaler Führung ist das Schulsystem ungerechter geworden – eine Entwicklung, die sich während der Pandemie verstärkt hat. Allerdings wurde hierzulande der Schulunterricht früher als in anderen Ländern wieder aufgenommen.

Ein weiteres Prestigeprojekt des liberalen Ministers ist die Alphabetisierung auf Französisch. Doch hierzu fehlt es noch an Ergebnissen, um dies zu bewerten. Außerdem kamen vier Sektionen in den klassischen Lyzeen hinzu. Meischs Reformpolitik ist weniger den unterschiedlichen sozioökonomischen Verhältnissen geschuldet als der Sprachenvielfalt hierzulande. Doch mit dem „Parallelsystem“, so die Gewerkschaft, also den Europa- bzw. Internationalen Schulen, erreicht das Ministerium weniger luxemburgisch- und portugiesischsprachige Schüler als erhofft. Das Bildungssystem werde eher noch weiter „zersplittert“.

Ein Sorgenkind bleibt weiter die Unterstufe im allgemeinen Sekundarunterricht, wo ein Leistungsabfall beklagt wird. Dabei seien riesige Bildungslücken entstanden, sagt Vera Dockendorf. „Viele scheitern an der katastrophalen Reform.“ Hier hat das SEW schon mehrfach vor den desaströsen Auswirkungen einer unkontrollierten schulischen Autonomie gewarnt. Den Schulen bleibt es überlassen, die „voreilig eingeführte und schlecht geplante Reform umzusetzen“, so die Gewerkschaft. Daher sollten die Versetzungskriterien überarbeitet werden. Als „Stiefkind des Bildungssystems“ kann die Berufsausbildung gelten. Man solle doch aufhören, akademische Laufbahnen höher zu bewerten, meint Dockendorf. Das Handwerk solle genauso attraktiv sein, gerade im Rahmen eines strukturellen Wandels, in dem immer mehr fähige Techniker und Handwerker gebraucht werden.

* Der psychologische Fachbegriff geht übrigens auf das Theaterstück „Gaslight“ und auf Georges Cukors Verfilmung mit Ingrid Bergman und Charles Boyer zurück, unter dem deutschen Titel „Das Haus der Lady Alquist“.

Forderungen des SEW/OGBL, eine Auswahl:

– Ein evidenzbasierter, wissenschaftlicher Blick einer neutralen Expertengruppe auf das Pilotprojekt zur französischen Alphabetisierung
– Eine gesellschaftliche Debatte über die Zersplitterung der Bildungslandschaft
– Ein komplettes Überdenken des Sprachunterrichts vom Cycle 1 bis zur 1re